proletkult@wyrms.de a publié une critique de Versuch, die Jugend zu verderben par Alain Badiou
3 étoiles
Das letzte Kapitel, über das gegenwärtige Werden der Töchter, rettet dieses Buch, das sonst möglicherweise zu allgemeinplatzig geblieben wäre. - Doch dann häufen sich plötzlich allerlei philosophische Ideen, und der Essay endet nicht dort, wo man es vielleicht erwartet hätte - wie es sich für ein Essay gehört.
Was also der Beschreibung des Werdens der Söhne angeht, so kann man vielleicht Badiou nicht dafür schuldig machen, dass nichts sehr neues gezapft werden kann, denn vielleicht gibt einfach die Materie dieses gegenwärtigen Werdens - tragischerweise - nicht viel mehr, als was möglicherweise schon Gombrowicz in Ferdydurke, aber noch besser Hiroki Azuma in Otaku registriert hatten und jeden Tag beobachtbarer wird: die Unmöglichkeit aus der ewigen Adoleszenz rauszukommen.
Badiou gibt diesem real existierenden Topos eine typisch Badiousanische Wendung, indem er erklärt, dass diese Möglichkeit nicht zuletzt daher stammt, dass in der angeblich postideologischen kapitalistischen Ideologie der Ideenlosigkeit eben die Möglichkeit, unter …
Das letzte Kapitel, über das gegenwärtige Werden der Töchter, rettet dieses Buch, das sonst möglicherweise zu allgemeinplatzig geblieben wäre. - Doch dann häufen sich plötzlich allerlei philosophische Ideen, und der Essay endet nicht dort, wo man es vielleicht erwartet hätte - wie es sich für ein Essay gehört.
Was also der Beschreibung des Werdens der Söhne angeht, so kann man vielleicht Badiou nicht dafür schuldig machen, dass nichts sehr neues gezapft werden kann, denn vielleicht gibt einfach die Materie dieses gegenwärtigen Werdens - tragischerweise - nicht viel mehr, als was möglicherweise schon Gombrowicz in Ferdydurke, aber noch besser Hiroki Azuma in Otaku registriert hatten und jeden Tag beobachtbarer wird: die Unmöglichkeit aus der ewigen Adoleszenz rauszukommen.
Badiou gibt diesem real existierenden Topos eine typisch Badiousanische Wendung, indem er erklärt, dass diese Möglichkeit nicht zuletzt daher stammt, dass in der angeblich postideologischen kapitalistischen Ideologie der Ideenlosigkeit eben die Möglichkeit, unter eine Idee zu leben, strukturell so unmöglich wie nur möglich gemacht wird. Wodurch die (nie ganz werdende) Männer - "eine Herde dummer Jünglinge”, wie Badiou sie auch (zugespitzt) nennt - zu eben jene “(database) animals” werden, die Azuma meisterhaft beschrieb. In der Zirkulation von Waren oder leere, monetäre Zeichen behaftete und in diesem Sinne animaliserte, entsubjektiverte Wesen.
Dass dies aus den ewig-Jünglingen freies Wild für allerlei reaktionäre Vereinnahmungen machen wurde, war irgendwie klar. Und so sind viele von ihnen bereits "frei-flottierende SS-Männer” (Theweleit) geworden (incels, mass-shooters…), deren Rekrutierung in letzter Zeit selbst dem deutschen Staat mit seinem freudig wiederentdeckten nationaler Militarismus das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Sodass, wie Badiou sagt:
Wir müssen verstehen, dass diese bunt zusammengewürfelte Herde irgendwann, am Abgrund des Krieges, ihrem eigenen Nichts ins Auge sehen wird.
Obwohl Badiou dieser Frage nicht mehr nachgeht, so scheint mir aus seiner Perspektive klar hervorzugehen, dass gegen diese täuschende, reaktionäre Versuchung, den Übergang in die Männlichkeit dadurch zu schaffen, dass Mann eben einfach das wiederholt, was diesen Übergang traditionell ermöglicht hat - den Militärdienst, den Krieg - letztlich nur eins helfen wird: eine andere Idee, eine Idee, die jenseits Kapitalismus hinweist.
Was nun das Werden der Töchter angeht – so wird zugegebenermaßen noch krasser an Lacan angeschlossen.
Sodass, wie es nicht anders für ein Lacanianer sein konnte, auch Badiou im “Weiblichen” jenes sich nicht eindeutig einordnen Lassenden ausmacht und favorisiert, das jegliche phallogozentrisch-ontotheologische (lol es ist ein mönstroser Ausdruck aber man erlaube ihn mir hier) Vereinnahmung subvertieren kann; oder wie es im Essay heißt:
Eine Frau ist immer schon selbst der irdische Beweis, dass Gott nicht existiert, dass er nicht existieren muss. Es genügt, eine Frau anzublicken - was man anblicken nennt -, um sich davon zu überzeugen, dass Gott nicht gebraucht wird. Deshalb werden in traditionellen Gesellschaften die Frauen versteckt. […] Die Tradition weiß, dass, wer Gott um jeden Preis am Leben halten will, die Frauen unbedingt unsichtbar machen muss.
Die größte Gefahr besteht somit, laut Badiou, darin, dass das Kapitalsystem gerade den ungeheuerlichen Versuch unternimmt, Frauen in dem Sinne zu vereinnahmen, dass sie zu den neunen alten “Männern” werden. Jene also, die, gerade weil sie von Anfang an kompetenter, weil sie schon als Mädchen erwachsene Frauen sind, weil sie alles, in einem Wort, besser können als Männer, ja, weil sie Männer überhaupt nicht brauchen, am Ende die Phantasie des kapitalistischen Systems, des Individualismus, des Wettbewerbs aufrechterhalten:
Die Grundidee besteht darin, dass Frauen nicht nur alles können, was Männer können, sondern, dass sie all dies noch viel besser können. Realistischer, unbeugsamer, verbissener werden sie sein. Warum? Weil aus den Mädchen bloß die Frauen zu werden brauchen, die sie längst sind, während die Söhne noch immer darüber rätseln, wie sie zu den Männer werden können, die sie nicht sind. Deswegen ist das Eine des Individualismus bei den Frauen kräftiger ausgeprägt als bei den Männern.
Frauen laufen Gefahr, in anderen Worten - und man denkt hier wohl an Migranten, an Schwulen, usw. auch - zu jenen perfekten, überangepassten Subjekten des Systems zu verkommen.
Weniger vor den Männern als vor der vermeintlichen Befreiung, die ihnen das Kapital verspricht, müssen die Frauen sich heute in Acht nehmen.
***
Ein auf dem zweiten Blick interessanteres Buch, als die erste Hälfte denken lässt, in welchem mehr Ideen stecken, als man ahnte, es bleibt vielleicht dann am Ende nichtsdestotrotz irgendwie doch zu vieles raus - gender Fluidität, usw. -, die Leserschaft doch zu unbestimmt oder akademisch spezialisiert (Lacanianische Begrifflichkeiten, die kaum erklärt werden, usw.), um völlig zu überzeugen - trotz meiner sonstigen Sympathie für diesen Autor.